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Bericht vom 22.04.04

 
Die kleine Formel 1 macht große Männer süchtig
38 Meter lange Carrera-Bahn steht an der Bocholder Straße

In die gefährliche »Dunlop-Kehre« rast der schwarze Audi R 8 mit zu hoher Geschwindigkeit. Der Wagen bricht übers Heck aus und überschlägt sich. Doch der schnelle Flitzer bleibt unbeschädigt und mit einem einfachen Handgriff kann Fahrer Andreas Bruckert das Rennen fortsetzen. So etwas gibt's nur bei der Formel 1 im Mini-Format - dem »Slot-Car-Racing«.

Andreas Bruckert beschäftigt sich normalerweise mit Getränken, nach deren Genuss sich niemand mehr hinters Steuer eines Autos setzen sollte. Der Gebietsverkaufsleiter einer großen Duisburger Brauerei hat aber ein Hobby für sich entdeckt, bei dem die Polizei auch nach drei Bier nicht die Fahrt verbieten kann. Bruckert lenkt seit November 2001 kleine Rennautos beim »Slot-Car-Racing«.

Die zirka zwölf Zentimeter langen Wagen bringen es auf einer Carrera Exclusiv-Bahn in der Spitze auf gut vierzig Stundenkilometer. Die Geschwindigkeit lässt sich über einen kleinen Regler am Fahrbahnrand steuern, der den Stromfluss auf der Bahn beeinflusst. Mehr Elektrizität kann der Motor in höhere Geschwindigkeit umsetzen. Auf bis zu 30 000 Umdrehungen bringen es die Motoren der Spitzenfabrikate. Ein Kinderspiel? Keinesfalls! Denn weil es keine Bremse gibt, gehört schon Fingerspitzengefühl dazu, damit es die heißen Öfen in scharfen Kurven nicht aus der Spur haut.

Andreas Bruckert nennt mittlerweile zwölf Autos sein Eigen. Zwischen 30 und 40 Euro kostet einer. Vor drei Jahren befreite der 41-Jährige eine auf dem Dachboden verstaute Carrerabahn vom Staub. »Meine Frau hat mich dazu überredet, die Bahn noch einmal aufzubauen«, erzählt der Vater von drei Kindern. Doch mit dem, was dann folgte, hätte seine Gattin wohl nicht gerechnet. »Wenig später standen mit mir noch zwei Kumpels an der Bahn und das Carrera-Fieber hatte uns gepackt.« Auf der Rückseite eines Tippzettels zur Fußball-WM verfasste ein befreundeter Rechtsanwalt das Gründungsprotokoll des »Slot-Car-Clubs Ruhr«. Fortan durfte sich Bruckert Vereinspräsident nennen.

Im Februar dieses Jahres bezog der Club sein neues Domizil an der Bocholder Straße. In der ehemaligen Gaststätte Hütt steht nun eine fast 38 Meter lange Carrera-Bahn, auf der die Motorsport-Fans mit den kleinen Flitzern regelmäßig ihre Runden drehen. Für fast 3000 Euro entstand eine sechsspurige Rennstrecke mit allem, was dazugehört. Die längste Gerade misst stolze acht Meter.

Die am PC geplante Piste umfasst mehrere Schikanen, eine Start-und-Ziel-Ampel, einen Tunnel und eine liebevoll gestaltete Kulisse mit Zuschauertribünen und kleinen Renn-Szenarien am Wegesrand. »Demnächst wollen wir noch eine vernünftige Boxengasse haben«, sagt Bruckert.

Die Zeiten werden automatisch von einem Computer erfasst und auf einem Monitor über der Ziellinie angezeigt.

Zum ersten Mal nimmt der »Slot-Car-Club Ruhr« in diesem Jahr an einer Meisterschaft teil. Bis jetzt allerdings mit nur mäßigem Erfolg. »Wir sind keine Freaks, die Unsummen in neue Autos und Tuning stecken, sondern betrachten die Sache mehr als Spaß«, rechtfertigt Bruckert den momentan letzten Tabellenplatz in der Liga. Trotzdem nehmen sie die Sache ernst.

Es gibt Sponsoren; auf einer Internetseite präsentiert der Verein sich. Dort zu finden sind neben der Gründungsgeschichte und kurzen Portraits der Piloten auch Angebote für interessierte Mitfahrer. »Jeder, der will, kann mit seinem eigenen Auto bei uns fahren«, sagt Bruckert.

»Auch Kindergeburtstage können auf der Anlage gefeiert werden.« Die Begeisterung des Nachwuchses für Carrera-Bahnen hat nach Einschätzung von Bruckert zwar durch PC und anderes elektronisches Spielzeug etwas nachgelassen, dennoch weiß der Mann aus eigener Erfahrung, dass nur eine Runde mit den kleinen Flitzern ausreicht, um vom Carrera-Fieber gepackt zu werden.

Quelle: Borbecker Nachrichten vom 22.04.2004