Bericht vom 14.03.08
Rivalen der Rennbahn
FREIZEIT. In Slotracingclubs laufen Meisterschaften auf Hochtouren. Auch der Miniatur-Motorsport ist eine Materialschlacht.
AN RHEIN UND RUHR. Dirk Bockholt fährt keine Formel-1-Rennwagen. Sicher, da ist er nun wirklich nicht der Einzige. Aber Bockholt hat die Wahl: Weil die Boliden von Räikkönen und Co. "ein mieses Fahrverhalten" hätten, favorisiert der 43-jährige Essener die Hochgeschwindigkeitsautos, die in Le Mans 24 Stunden kreisen. Und deutsche Tourenwagen. Wenn sie Kotflügel an Kotflügel auf der Startlinie stehen und Bockholt das Steuer in der Hand hat, pumpt sein Herz so heftig, dass man seine Halsschlagader pulsieren sieht. In diesem Moment klebt sein Blick an der Ampel über der Startlinie: Erst sieht er Rot, die Lichter gehen aus - Vollgas. Dann wird es schnell (und) laut: Das Heulen der Motoren geht im Geschrei der sechs Fahrer unter. "Mist", ruft einer. "Unfall auf Bahn 5."
Auf 40 Metern Bahn 35 km/h in der Spitze
Die Piloten jagen "Slotcars" - Modellautos mit Elektro-Motoren - über die Bahnen, über die Eltern seit den 60er-Jahren in Kinderzimmern stolpern. Als Motorsportfans sind die zwölf Mitglieder des Essener "Slotcar Clubs Ruhr" (SCC) zwar auch am Wochenende vor dem Fernseher am Start, wenn die Formel-1-Saison beginnt. Das Rennfieber aber packt sie nur bei ihrer eigenen Rennserie mit Flitzern im Maßstab 1:32. In immer mehr Slotcar-Vereinen und -Centern laufen Meisterschaften auf Hochtouren.
Mit Spielzeug haben die Miniatur-Renner nichts zu tun - sagen zumindest die Fahrer. "Das ist Motorsport", meint ihr Vorsitzender Bockholt im Essener Clubhaus. Dort, in einer ehemaligen Gaststätte, steigen bis Jahresende 15 Rennen um die offene Clubmeisterschaft: auf einer 40 Meter langen Carrera-Bahn mit sechs Spuren und allen Schikanen. Bockholt sagt, es sei sei "die längste im Revier". Damit die Autos nicht kraft- und saftlos auf der Strecke bleiben, setzen drei Trafos die Anlage unter Strom. Ein Computer zählt die Runden. Trotz Spitzengeschwindigkeiten von 35 km/h brauchen Top-Fahrer elf Sekunden für eine Runde, vorbei an detailgetreuen Kiesbetten und Tribünen.
Die Bestzeiten hält Streckenwart Werner Schilling (54). Ein Wirbelsäulenbruch warf den Kfz-Mechaniker 1997 aus der Bahn. Seither ist er arbeitslos, aber nun ein Champion: Seine Flitzer bleiben immer in der Spur. Das liegt auch an den Tuning-Tricks ihres Fahrers: "Wie die Formel 1 ist Slotracing eine Materialschlacht." Und Schilling ist der Chef-Mechaniker. Damit die Autos optimal auf der Plastikstraße liegen, balanciert er sie mit Bleistückchen aus. Die Achsen stellt er neu ein. Die Karosserien verklebt er aufs Neue. "Wenn die rappeln, kostet das eine Sekunde pro Runde."
24-Stunden-Rennen in Moers
An der Feinabstimmung seines Porsche 917 Spider hat Schilling vier Monate gebastelt. Am Ende hat er den 20-Volt-Motor in Waffenöl getaucht. Jetzt läuft er wie geschmiert. Mit 18 000 Umdrehungen pro Minute. Das sind Formel 1-Drehzahlen.
Wie Schilling ist Andreas Szalies (44) die Freude am Fahren ins Gesicht geschrieben, sobald er mit dem Handregler Tempo macht. Aber: "Es gewinnt, wer richtig bremst", weiß der Rennleiter, abseits der Piste Verwaltungsbeamter der Stadt Essen. Für die monatlichen Rennen bestimmt er die Regeln: Fahrzeugtypen (es gibt zehn Hersteller), Gewicht (meist 80 Gramm), die Reifen (die haben wie in der F1 erst nach ein paar Runden guten Grip). Im Rennen fährt jeder Teilnehmer drei Minuten in jeder Spur. Nach Unfällen setzen Streckenposten die Autos zurück in die Spur. Wer die meisten Runden dreht, gewinnt.
Szalies Klub ist einer von Slot-Spätstartern: In Moers etwa gründete Wolfgang Eisenbath (63) vor elf Jahren bereits den "Slotracingclub am Niederrhein" (siehe Box). Die 18 Mitglieder laden Viererteams im August zur zwölften Ausgabe ihres 24-Stunden-Rennens. Dirk Bockholt kam erst 2001 auf die Idee, den SCC zu gründen: Ein Freund hatte seinen Kindern zu Weihnachten eine Carrera-Bahn geschenkt. Er und seine (erwachsenen) Gäste spielten die Feiertage durch. Als der verlängerten Piste die Couch-Garnitur weichen sollte, mietete Bockholt einen leer stehenden Obstladen an, 2004 dann die Gaststätte. Er ist dem "Reiz der schnellen Autos" erlegen. "Im Original kann ich sie mir nicht leisten. So aber kaufe ich mir jeden Monat einen Neuwagen." Die gibt's ab 30 Euro. Das ist Rennsport für jedermann. (NRZ)
Quelle: NRZ vom 14.03.08
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