Bericht vom 01.06.04
Alle Schumis stehen auf Platz eins
Beim "Slotcar Club Ruhr" dürfen Gastfahrer Renngefühl testen - Traum erfüllt
Von Frank-Rainer Hesselmann
Bochold/Altendorf.
Mit Vollgas vom Start in die erste Kurve und rausfliegen - das beherrschen alle Formel-1-Piloten. Hobby-Rennfahrer, die mit ihrem Daumen den Drücker bis zum Anschlag pressen, katapultieren ihre Autos ebenso
ungestüm von der Bahn.
Der Aufschrei des Entsetzens durchzieht sofort jede Zuschauerkulisse. Ein gravierender Unterschied zwischen den Vielverdienern auf internationalen Rennstrecken und den Schlitz-Auto-Fahrern von der lokalen Bahn besteht allerdings: Krachen Schumachers oder Montoya in die Leitplanke, ist ihr Rennen sofort zu Ende, null Punkte. Auf der Piste vom "Slotcar Club Ruhr" setzen flinke Finger den Überschlag-Kandidaten wieder in die Spur - und ab geht die Tour, bis zur nächsten Kurve? "Wer nicht das nötige Gefühl am Drücker hat, kein Gespür für die Bahn entwickelt, verliert flott Runde um Runde", weiß Andreas Bruckert. Er ist Präsident des Clubs der Slotcar-Fahrer (Slot bedeutet übersetzt Schlitz). Ein Schleifer, über den die Motoren der Flitzer ihren Strom beziehen, greift in diese Spurrille, blockiert aber nicht. Mit dieser Spurführung bleiben die Rennautos normalerweise auf ihrer Bahn. Aber der Rennalltag auf den sechs parallelen Spuren der Club-Rennstrecke sieht anders aus. Das Boxengeflüster kennt keine Gnade. Boxengeflüster oder Rennfahrer-Latein - jedes Clubmitglied kommt darin vor. "Über alle wissen wir mindestens eine Geschichte", schmunzelt der Club-Präsident Andreas Bruckert. Wichtiger ist allen Freunden der Spaß am Fahren - die Frauen wissen, wo ihre Männer sind. Wie hat das Hobby angefangen? Das fragen viele beim "Tag der offenen Tür". Die Antwort ist logisch für jeden, der ein Hobby pflegt. Papa hat eine Idee, Kindern spielende Abwechslung zu verschaffen. Letztlich erweisen sich große Kinder als die intensiveren Spieler. Modelleisenbahner schenken ihren Söhnen eine Anfangspackung, um sich mit dem Sprössling den eigenen Kindheitstraum zu erfüllen. Meistens spielt sogar die Regierung mit, indem sie für den Gatten das alte Spielzeug auf dem Dachboden entstaubt oder duldet, was sich da für die nächsten Jahre anbahnt. Frauen kennen das Kind in ihren Männern - auch die vom "Slotcar Club Ruhr". Andreas Bruckert hat vor Jahren im Wohnzimmer eine Carrerabahn aufgebaut - auf Drängen der Gattin, wie dem Boxengeflüster zu entnehmen ist. Nachbars Kinder saßen bald mit an den Drückern und ließen Autos flitzen. "Aber immer die gleiche Bahn fahren, wird langweilig. Für eine große Rennstrecke boten die heimischen vier Wände bald nicht mehr genügend Platz", schildert Andreas Bruckert sein Dilemma. Und in der Küche sei keine 180-Grad-Kurve (Kitchen-Corner oder Schampus-Umfahrt) geduldet gewesen. Schnell findet er Freunde, die ebenfalls vom Rennfieber infiziert sind. An der Altendorfer Straße stoßen sie auf ein schon länger leer stehendes Ladenlokal. "Wir haben geplant, Material gekauft und gebaut", erinnert sich Christian Risse. Wieder muss der Mann für alles Elektrische abrupt unterbrechen: Er steht an der "Dunlop-Kehre", in der fast alle Gäste einen viel zu heißen Reifen fahren. Matthias, Kevin und Niklas haben beim Start keine Millisekunde verpasst. Aber die dritte Kurve - fast 250 Grad und abfallend - verlangt spätestens Daumengefühl am Drücker. "Alle Neulinge auf unserer Piste fliegen hier raus", weiß Christian Risse und setzt die Wagen wieder so schnell er kann auf die Bahn. "Mein Auto, mein Auto - Hilfe, Hilfe", ruft erneut ein Nachwuchspilot vom kleinen Fahrerpodest. An "Rivazza" - doppelte 90-Grad-Kombination - ist Kevin erneut "ausgestiegen". Timo Heiter - "so wie das Wetter" - bringt den Wagen zurück in die Spur - bis zur "Casino-Kurve". Die Kleinen halten die Streckenposten des Clubs in Bewegung. Jeder will Schumi sein. Nur einer kann gewinnen.
Diesen Ansporn zeigen auch alle Clubmitglieder. "Wir fahren intern Meisterschaften mit Rennen auf allen sechs Spuren aus", schildert Timo Heiter. "Das Fahren auf der Bahn lässt mich längst nicht mehr los." Rennstallgeruch haben er und seine Konkurrenten im neuen Domizil gleich mit gepachtet: Im ehemaligen "Haus Pütt" an der Bocholder Straße steht die inzwischen sechsspurige Carrera-Piste. "Im ersten Clubheim hatten wir nur vier Spuren. Nach dem Aufbauen war aber alles zu eng", erinnert sich Präsident Andreas Bruckert. "Wir konnten dann diese Kneipe anmieten. Dort, wo einst Tresen, Skattische, Stühle und Automaten standen, kreisen jetzt Rennwagen." Auch die Hoffnung auf (Renn-)Gewinn ist geblieben. Große Stofftransparente - eben leicht waschbar - von Autoherstellern, Benzinlieferanten und Brauereien schmücken den Rennraum. Hätte der "Slotcar Club Ruhr" die als Sponsoren, wären die nächsten Renn- serien inklusive neuen Autos und elektronischen Aufrüstungen längst gesichert, wissen die Rennsportler des kleinen Maßstabs. "Wir können noch einige Mitfahrer gebrauchen", hoffen Andreas Bruckert und die bisherigen Clubmitglieder auf weitere mutige Mitfahrer. Mehrere Monate haben sie an ihrer breiten Bahn gebaut. Ähnlichkeiten mit bekannten Kursen auf dem Globus hat die Strecke nicht. Aber die dazu gehörenden Elemente kennt jeder. Kiesbetten, Rasen und Tribünen fehlen nicht. Die Zuschauerfigürchen auf den Sitzen folgen erst nach der nächsten Clubbeitragseinzahlung aller Streckenbauer. Die Autos flitzen über lange Geraden, enge Kurven, meistern Hügel und Tunnel. "Wer gut ist, schafft die knapp 38 Meter in 13 Sekunden.", beschreibt Timo Heiter, der gerade drei Autos aus einer Karambolage unter der Brücke hinter "Copse-Corner" befreit. Schrappen Metallstifte über Kunststoffstraßen, poltern Autos, muss der Streckenposten eingreifen oder die Terror-Taste drücken. Dann geht auf der ganzen Bahn nichts mehr. Mit einer "König-Pilsener-Kurve" erinnern die Slotcar-Fahrer an die frühere Bestimmung ihres Clubraums. Hinten in der Küche sind dieser Gerstensaft, Frikadellen und Kartoffelsalat zu haben. "Spielen muss Spaß machen nach den harten Aufbau-Abenden", lobt der Präsident. Unter der Platte hängen zahlreiche Kabel. "Mehrere 100 Meter haben wir verlegt", erklärt Christian Risse. Die Start-und-Ziel-Brücke ist Marke Eigenbau. Fotozellen und Lichtschranken registrieren jedes durchfahrende Auto. Die Zeitnahme läuft mit Computersteuerung. Auf dem Bildschirm sind die Rundenzeiten zu sehen. "Aber wer sich darauf konzentriert, der verliert, weil er nicht mit den Augen auf der Bahn ist", wissen die Männer am Drücker. Ihre Wagen unterliegen strengen Bau- und Tuning-Regeln wie im großen Formel-1-Zirkus. Die Profis fahren ohne Magnet unter dem Chassis, für das feinere Bahngefühl beim Gasgeben. Die Besucher-Autos haben dagegen das Metall mit Anziehungskraft. Matthias Kevin und Niklas stehen immer noch am Drücker. Papa hat dem Trio gleich ein zweites Rennen spendiert - mit dem nächsten Hilferuf an die Streckenposten. Wer Rennluft schnuppern möchte, kann jeden ersten und dritten Donnerstag, von 18.30 bis 21.30 Uhr, an der Bocholder Straße 42 die Clubbahn besuchen.
Weitere Informationen: www.scc-ruhr.de .
Quelle: WAZ vom 01.06.2004 / LOKALAUSGABE / ESSEN
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